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Schwalben (2)
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2005-Bern

„Transparenz – Transzendenz“

„Durch den bewussten Verzicht auf die detaillierte Farbnuance, richtet sich der Fokus auf die betrachtende Natur.“

Die Beschäftigung mit „Natur“ ist immer Subjektiv.
So geht es mir um die dem Blick im Alltag verborgenen Schönheiten der vergänglichen, jedoch sich ewig erneuernden Natur.
Im Detail sind es die Kräfte die alles hervorbringen was uns umgibt,:Wasser, Erde, Luft, das Wachstum….
und nicht zuletzt die Verbundenheit zum Menschen, als Teil eines ganzen eine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.
Und dann möchte ich meine Arbeiten in ihrer Erscheinung als Gegenstück sehen zu einer sich selbst vernichtenden Konsumgesellschaft, in welcher die Maßstäblichkeit verloren gegangen ist.
Also Schlichtheit als Kraft gegen vermeintliche Vielfalt.

YeunHi Kim

Werke der koreanischen Künstlerin YeunHi Kim sah ich zum ersten Mal in einer Ausstellung in München. Es sind Tafeln, die auf Holzrahmen mit Papier bespannt sind. Die farbigen Tafeln sind zu zweit, dritt oder fünft neben- oder untereinander in variablen Abständen vor weißen Wänden gehängt.

Es ist nicht auszuschließen, dass Darstellungs- und die Präsentationsweise dieser Werke an minimal art oder an die Farbfeldmalerei des Abstrakten Expressionismus erinnern, namentlich Barnett Newman, Ellsworth Kelly, Donald Judd und vor allem Mark Rothko. Aber wodurch unterscheiden sich die Werke dieser Künstlerin davon?

Die Künstlerin verwendet als Ausgangsmaterial traditionell hergestelltes koreanisches Papier aus Rinde des Maulbeerbaumes. Das stark saugfähige und reißfeste Papier wird mit Farbpigmenten bestrichen und dann in mehreren Lagen übereinander geklebt; abschließend wird die oberste Schicht geschliffen, sodass eine glattpolierte Oberfläche entsteht und die darunterliegenden Farbschichten durchschimmern, so lange, bis die gewünschte Farbwirkung erreicht wird. Intuitiv weiß sie, wann eine Arbeit abgeschlossen ist.

Die Farben harmonisieren sowohl innerhalb einer Tafel, als auch zwischen benachbarten Tafeln. Ergibt sich diese Harmonie nicht, bedeutet das für die Künstlerin schlaflose Nächte. Sie findet die Lösung des Problems letztlich durch intensive Beobachtung der Natur, der wichtigsten Inspirationsquelle ihrer Kunst.

Auch die subtilen Farben ihrer Bilder beschreibt man am besten mit Hilfe der Natur. Kirschblütenrosa, Forsythiengelb, Bambusgrün, so leuchten die Farben zart und wirken fast durchsichtig. Diese Farben lassen Erinnerungen an die ferne Heimat unserer koreanischen Kindertage lebendig werden. Gedanklich durchwandere ich heimatliche Gefilde und entdecke die Farben dieser Landschaften in den Bildern wieder. Sanfter Frühlingsregen fällt auf die Erde und erweckt die Natur zu neuem Leben. „Karangbi“, der Titel ihrer Werke, bezeichnet diesen Regen im Frühling, der die Landschaft frisch und duftend erscheinen lässt. So werden alle Sinne menschlicher Empfindung angesprochen.

Ihre Farben sind aber nicht nur subtil, sondern können sich zu ungeahnter Kraft und Energie entwickeln wie in den Bildern „Goldener Herbst“ Die Farben leuchten kräftig rot und gelb wie bunte Blätter im herbstlichen Wald, Zeichen der Reife und des Überflusses. Wenn sich aber eine weißgraue Tafel davor schiebt, ist ein nebliger Herbsttag angesagt, an dem der dicke Nebel mit seinen Schleiern alles umhüllt, und stellt sich eine Vorahnung vom bevorstehenden Winter ein. Allein durch die Farben holt die Künstlerin schon längst Vergangenes und weit Zurückliegendes in die Gegenwart zurück.

Nicht nur die Farben sind von der Natur inspiriert, sondern auch die Reihung der Tafeln scheint von der Struktur der Landschaft angeregt zu sein. Die einzelnen Tafeln im Hoch- oder Querformat sind nebeneinander oder übereinander gereiht. Hängen zwei Tafeln im Querformat übereinander, assoziiert man dazwischen unwillkürlich den Horizont, oben der unendlich weite blaue Himmel, unten das tiefe grünblaue Meer. Der Zwischenbereich markiert den Übergang vom Meer zum Himmel und stellt keine Leere dar, sondern schafft Raum für die Imagination des Betrachters.

Die Künstlerin baut die hölzernen Kästen ihrer Bilder selbst und gestaltet sie farbig bezugnehmend zur Farbgebung des Bildes. Hängen die Bilder vor weißen Wänden, strahlen die Farben des Rahmens auf die Wand zurück und schaffen auf diese Weise eine Aura. Damit gibt die Künstlerin auch dem Betrachter viel Platz für eigene Phantasie und Reflexion.

In ihren gegenstandslosen Bildern beschreibt sie keine konkreten Ereignisse, sondern lässt ahnen, dass es hinter den Dingen etwas Verborgenes gibt. Diese Ahnung von etwas Höherem kann auch von ihrem Glauben als praktizierende Christin herrühren. Insofern kann man das Wesentliche ihrer Kunst in den beiden Begriffen zusammenfassen „Transparenz – Transzendenz“, dem Titel dieser Ausstellung.

Dr. Choung-Hi Lee-Kuhn


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